Anders leben – Spiritualität im Alltag

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Spiritualität im Alltag: Seit 40 Jahren berichtet die Zeitschrift Info3 – inspiriert aus der Anthroposophie – über individuelle Lebensentwürfe und spannende Entwicklungen und Initiativen aus den Bereichen Medizin, Pädagogik, Wirtschaft, Ernährung, Landwirtschaft, Beziehung und vielen anderen mehr. Info3 steht für alternative Ansätze zu einem glücklichen und erfüllten Leben.

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Leseproben aus dem Magazin Info3

Keine Angst vor Fieber - Gesundheitskolumne aus Info3 Januar 2016

Der Winter 2014/2015 ist für mich unvergesslich: Noch niemals zuvor hatte ich dermaßen viel zu tun. In der kalten Jahreszeit, vor allem in den ersten drei Monaten im Jahr, herrscht ja ohnehin Hochbetrieb bei uns Ärzten, vor allem wegen der Grippewelle. Und die Grippe fiel im besagten, wettermäßig eigentlich milden Winter besonders heftig aus.

Seit 1994, seitdem ich als Hausarzt niedergelassen bin, hatte ich noch nie so viele hoch fiebernde Patienten in der Praxis gesehen, besucht oder auch nur telefonisch beraten, weil die Zeit fehlte für noch mehr Hausbesuche. Vielfach fieberten die Leute nicht nur höher, sondern auch länger als üblich, mit der Folge von anhaltendem Schwächegefühl und Kreislaufproblemen, so dass sie sich nicht außer Haus trauten und ich oft ein zweites Mal zu ihnen kommen sollte.

Für mich hieß das, oft bis spät abends bei Kälte und andere Widrigkeiten unterwegs zu sein. Das war zeitaufwändig und anstrengend. Dennoch stimmte es mich freudig, dass so viele Menschen fieberten. Denn als anthroposophischer Arzt sehe ich Wärme als Grundbedingung für die Verbindung des Ichs mit dem Organismus an und Fieber als gesunden Ausdruck einer gesteigerten körperorientierten Ich-Wirksamkeit.

Für die Naturwissenschaft ist die Fieberreaktion ein wesentliches Element der gegen die Krankheitserreger gerichteten Immunabwehr. Letztere dient, unter ganzheitlichen Gesichtspunkten, der Erhaltung der individuellen körperlichen Grundlage, die Ausdruck und Werkzeug des Ich ist.

 

Fieber schützt

Fieber ist also etwas, vor dem man keine Angst zu haben braucht, und vor allem nichts, das man, von Ausnahmesituationen abgesehen, bekämpfen sollte. Bei den fieberhaften Infektionskrankheiten ist Fieber nicht das Problem, sondern Teil der auf Heilung ausgerichteten Gegenreaktion des Organismus. Diese Form der Selbstheilung ist evolutionär uralt und äußerst erfolgreich.

Fieberhafte Reaktionen gibt es wohl schon so lange es tierisches Leben gibt, was auf der Zeitskala der Erdgeschichte über 500 Millionen Jahren her ist. Heute kennt man Fieber quer durch die ganze Tierwelt, von Insekten über die Kaltblütler (Fischen, Reptilien, Amphibien) bis hin zu den Säugetieren. Wen wundert es da, dass Infekte, bei denen das Fieber nicht auf Teufel komm raus gesenkt wurde, meist schneller ausheilen?

Natürlich sollte man zu Naturheilmitteln und auch herkömmlichen Medikamenten greifen, wenn das Fieber im Einzelfall zum Problem wird und z.B. Flüssigkeitsverlust, Herzrhythmus- oder Kreislaufstörungen drohen. Aber selbst zur Vorbeugung von Fieberkrämpfen bei dafür empfänglichen Kindern wird die medikamentöse Temperatursenkung nicht mehr allgemein empfohlen.

Vor allem hatte ich mich letztes Jahr über die vielen Fiebernden so gefreut, weil sich die Schutzwirkung des Fiebers nicht nur auf den jeweiligen Auslöser und die aktuelle Krankheitssituation erstreckt, sondern darüber hinaus auf viele, vor allem chronische Krankheiten über Jahre und Jahrzehnte hinweg. So schützt Fieber vor Krebserkrankungen und kann mitunter auch Krebs zum Stillstand oder zur Ausheilung bringen.

Das ist vor allem bedeutsam in der zweiten Lebenshälfte, weil Krebs meist über 70 auftritt. Ein Anlass gerade für die Älteren, sich genau zu überlegen, ob sie sich laufend gegen Grippe impfen lassen wollen. Im Falle von Fieber empfiehlt es sich jedenfalls, lieber das Bett hüten, als mittels Fiebersenkung das Selbstheilungspotenzial zu blockieren.

 

Dr. med. Frank Meyer ist integrativer Hausarzt und Gesundheitsautor. Er lebt und arbeitet in Nürnberg.

Achtung! Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und keine Empfehlungen. Er stellt keine ärztliche Beratung oder Anleitung dar. Autor und Verlag übernehmen keine Garantie oder Haftung für seinen Inhalt.

Wachsen aus Scheitern - Interview aus Info3 Oktober 2016 (Auszug)

Wem ein Unglück widerfährt oder wer in eine tiefe Krise gerät, für den kann es schnell um „Überleben oder Scheitern“ gehen – so der Titel eines Buches des Trauma-Psychologen Dr. Georg Pieper. Wie man sich davor wappnen und vielleicht sogar daran wachsen kann, darüber sprach mit ihm Ronald Richter.

Georg Pieper, es gibt viele Beispiele von Menschen, die erst durch Scheitern ihre großen Taten vollbracht haben: Steve Jobs, der nach etlichen erfolglosen Versuchen aus dem Scheitern das iPhone entwickelt hat. Müssen wir sogar scheitern, um Großes zu vollbringen?

In einem gewissen Sinne – ja. Ich denke, Menschen, die nie gescheitert sind mit ihren Vorhaben, die werden wenig kritisch sich selbst gegenüber, die sehen nur ihren Weg, gehen wie eine Dampfwalze durchs Leben und merken nicht, wie sie überall damit auch Zerstörung anrichten. Gerade diese Rückmeldungen von unserer Umwelt, von Mitmenschen, die uns darauf hinweisen, dass die Dinge nicht so gehen, wie wir sie uns idealtypisch vorstellen, die helfen ja, nicht nur für mich selbst, sondern für alle einen guten Weg zu finden.

Ich behaupte mal, dass Steve Jobs sich nie als Versager fühlte. Da gibt es noch Unterschiede, nicht?

Ja, ein Versagen … das ist ja eine Selbstbezichtigung, die in eine dunkle Tiefe hineingeht, die häufig verbunden ist mit sehr negativen Kognitionen wie: „Ich bin nichts wert, bin ein Versager, der nichts auf die Beine bringt.“ Im Gegensatz zu Steve Jobs ist das eine sehr depressive Variante. Wenn man Scheitern nimmt als zwischenzeitliche Irrwege oder Abzweigungen, dann steht dahinter der Grundgedanke: „Ich kann es schaffen. Ich habe Fähigkeiten, habe die Kraft, für mich gute Lösungen zu finden.“ Das ist für mich in der Psychotherapie eine wesentliche Voraussetzung, die ich immer wieder versuche – auch in kleinen Botschaften, in Meta-Botschaften –, meinen Patienten deutlich zu machen: Dass sie die Fähigkeit haben, für ihre schwierige Situation selbst die Lösung zu finden, dass diese Kräfte nur im Moment versagen.

In Ihrem Buch „Überleben oder Scheitern“ beschreiben Sie die Dauerberieselung durch die Medien mit negativen Nachrichten. Mit den Attentaten in Nizza, Würzburg, München, Ansbach und vielen anderen Vorfällen scheint sich dies potenziert zu haben. Am liebsten wollen wir direkt dabei sein beim Scheitern, beim Unglück anderer. Sie halten das nicht für den richtigen Umgang mit den Ereignissen. Warum?

Vor allen Dingen finde ich es sehr kritisch, dass viele Menschen sich permanent diesen schlimmen Ereignissen aussetzen, die nun mal in der Welt und auch in Deutschland in letzter Zeit passieren. Die neuen Medien wie die Push-Meldungen, die auf dem Smartphone erscheinen, Twitter, Facebook und so weiter führen dazu, dass man immer kurz auf eine sehr pointierte Weise einen Impuls bekommt, eine Schreckensnachricht. Diese Impulse lösen im Körper eine Angstreaktion aus. So befinden sich die Menschen immer wieder in einem sehr angespannten Zustand, der aber nie richtig zu Ende bearbeitet wird. Es wäre demgegenüber sinnvoller zu sagen: Ich wende mich diesen Themen ganz bewusst zu, einmal am Tag, dann setze ich mich damit auseinander, indem ich mir zum Beispiel eine Sendung anschaue, die auch etwas über Hintergründe berichtet. Ich versuche, das Ganze dann zu verdauen, indem ich darüber mit einer mir nahestehenden Person spreche. Ich versuche, darüber nachzudenken, das auszusprechen, was mich bewegt. Dann hat man eine ganz andere Möglichkeit, mit diesen sehr schwierigen Nachrichten umzugehen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch ziemlich drastische Schicksale und Situationen, in die kein Mensch kommen möchte. Aber wer das dann überstanden hat, der geht vielleicht doch reicher daraus hervor?

Das ist eine Beobachtung, die ich immer wieder mache. Menschen, die schwere Katastrophen, persönliche Schicksale bearbeitet und überwunden haben, die sich getraut haben, sich intensiv mit ihrem Schmerz auseinanderzusetzen und nicht innerlich davor fliehen, können extrem davon profitieren. Sie können die Welt oft mit anderen Augen sehen, sich am Hier und Jetzt, an dem, was sie haben, erfreuen und am aktuellen Leben teilnehmen. Sie leben nicht nur in Gedanken, wie es sein könnte, wenn ich dies und jenes hätte oder wenn ich dies nicht verloren hätte und so weiter. Wir sprechen da vom posttraumatischen Wachstum.

Sie schlagen auch einfache mentale Übungen vor, darunter eine Dankbarkeitsübung, „gerichtet an wen auch immer“, wie Sie formulieren.

Für mich persönlich ist in meiner Arbeit sehr hilfreich geworden, dass ich mir die positiven Entwicklungen klar mache, die ich in der Begleitung von schwerst misshandelten, missbrauchten oder verunglückten Menschen im Laufe der Zeit wahrnehme. Das sind nicht alles meine eigenen Heilungskräfte, sondern Kräfte, die auch von außen wirksam sind, und wo es hilfreich ist, sich auf sie zu besinnen. Man fühlt sich eingebunden. Und diese Dankbarkeitsübung führt dazu, dass man bemerkt: Die guten und schönen Dinge um uns herum sind alle nicht selbstverständlich, wir sollten dankbar dafür sein. Das lernen wir auch von schwer traumatisierten oder von gescheiterten Menschen, die plötzlich alles verlieren.

In Ihrem Buch können wir dazu bestimmte Schritte, „sich zu wappnen“ nachlesen. Möchten Sie kurz umreißen, wie wir uns das vorstellen können?

Das sind verschiedene Einsichten, zu denen ich gekommen bin – vor allem im Zusammensitzen mit Menschen, die schwere Katastrophen erlebt haben. Ein für mich sehr wichtiger Schritt sich zu wappnen besteht darin, dass wir versuchen, im Hier und Jetzt zu leben und es nicht unbedingt bewerten. Man kann das Leben als einen Fluss sehen, der manchmal leicht dahinfließt, dann aber auch wieder schwierige Strömungen und Strudel aufweist. Das heißt, wenn wir uns im Scheitern befinden, in einer Niederlage, dass wir die annehmen, nicht sofort abwehren, sondern uns sagen: „Ja, ich bin jetzt im Moment in dieser Phase des Lebens, wo der Fluss wirklich sehr schwierig zu überwinden ist, aber ich glaube trotzdem daran, dass ich das überwinden werde. Ich kann nach vorne schauen. Ich weiß, dass es ein gutes Ende geben wird. Ich glaube auch an meine eigenen Kräfte.“ Wir müssen es lernen, gute Schwimmer im Fluss des Lebens zu werden.

Und dann ist mir noch ein Begriff sehr wichtig – das ist der Begriff der radikalen Akzeptanz. Wir sollten lernen, schwere Dinge, die in unserem Leben passieren, zu akzeptieren. Wir müssen sehr genau unterscheiden: Was können wir mit unserem Willen wirklich beeinflussen? Was können wir ändern? Da sollen wir auch etwas tun. Es gibt aber Ereignisse im Leben eigentlich eines jeden Menschen, die er nicht beeinflussen kann. Das sind solche Punkte, an denen wir glauben zu scheitern. Wenn wir aber sagen, ich kann es nicht ändern, ich muss es jetzt lernen, damit umzugehen, muss es integrieren in mein Leben, dann hat man die Chance, aus diesem Scheitern wiederum zu wachsen und etwas Neues zu machen. ///

Das Gespräch führte Ronald Richter.

Dr. Georg Pieper, Jahrgang 1953, ist Autor, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor in verschiedenen Kliniken und für Psychotherapie-Ausbildungsinstitute. Er lebt in der Gegend von Marburg.

Über das Magazin „Info3“

Das Magazin „Info3 – Anthroposophie im Dialog“ ist 1976 aus dem anthroposophischen Sozialimpuls heraus gegründet worden. Seither hat es sich zu einer der führenden spirituellen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum entwickelt. Das Heft erscheint elf Mal pro Jahr.

Wir berichten regelmäßig über:

  • einen anderen Umgang mit Geld
  • interessante Initiativen zum Thema Nachhaltigkeit
  • originelle Lebensentwürfe
  • Komplementärmedizin
  • Neues in der Pädagogik
  • ökologische und biologisch-dynamische Landwirtschaft
  • Umweltschutz
  • Ernährung.

Und wir sind am Puls der Zeit, wenn es um die Themen Biographie, Beziehungen, Alter, Lebenskrisen, Arbeit und Sozialgestaltung geht.

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